KI könnte Nutzern besser helfen. Die Technologie ist da. Der Wille fehlt.

KI könnte Nutzern besser helfen. Die Technologie ist da. Der Wille fehlt.

Ich habe heute wieder manuell einen ALT Text geschrieben. 2026. Für ein Bild auf LinkedIn. 

Nicht weil ich es besonders gut finde. Sondern weil die automatisch generierte Alternative lautete: „Image may contain: person, text, outdoor.“ 

Wir leben in einer Zeit, in der KI Marketingkampagnen entwirft und Geschäftsberichte zusammenfasst. Gleichzeitig beschreibt dieselbe Technologie mein Profilbild mit drei Wörtern, die einem blinden Nutzer exakt nichts sagen.

1979 hatte IBM möglicherweise einen Teil der Antwort

In einem internen Schulungsleitfaden stand: „Ein Computer kann niemals zur Verantwortung gezogen werden, deshalb darf ein Computer niemals eine Managemententscheidung treffen.“

Die Logik: Wer nicht haften kann, darf nicht entscheiden. Heute treffen Algorithmen täglich Entscheidungen, die Menschen direkt betreffen. Plattformen haben die Verantwortungsfrage nicht neu gestellt – sie haben sie weggelassen. Denn Verantwortung kostet Ressourcen, Transparenz und manchmal Nutzer. 


ALT Text: Das Feature existiert. Der Nutzen nicht.

LinkedIn und Instagram generieren bereits automatisch ALT Text per Computer Vision. Die meisten Nutzer wissen es nicht, weil die Plattformen es nicht kommunizieren – und weil das Ergebnis zu generisch ist, um aufzufallen. 

Die KI erkennt: Person, Außenbereich, Text. Sie weiß nicht, warum das Bild da ist. Was es aussagen soll. Für jemanden, der auf einen Screen Reader angewiesen ist, ist das kein Fortschritt. Es ist Platzhalter. 

Heutige Sprachmodelle könnten aus Bild, Kontext und Bildunterschrift zusammen einen sinnvollen ALT Text ableiten. Be My Eyes nutzt GPT-4, um blinden Nutzern Bilder detailliert zu beschreiben – über eine Million Sessions in den ersten zwei Wochen. Microsoft generiert in Office-Anwendungen ALT Texte, die Nutzer prüfen und bearbeiten können. Die Technologie funktioniert. Aber nicht dort, wo Milliarden Bilder täglich gepostet werden. 

Das Problem: ALT Text verbessert Accessibility – nicht die Klickrate, nicht den Algorithmus, nicht die Werbeeinnahmen. 


Bots: Unvermögen oder Kalkül?

KI-gestützte Bot-Erkennung existiert. Die Plattformen setzen sie ein – aber primär, um externe Tools zu blockieren, die ihre API missbrauchen. Die Bots selbst bleiben. Denn Fake User sind trotzdem User. Sie erhöhen Follower-Zahlen, lassen Reichweite größer wirken, machen Metriken attraktiver für Werbetreibende. 

Und wenn ein Bot fehlerhafte Inhalte produziert? Niemand steht dafür gerade. Genau das Szenario, das IBM 1979 verhindern wollte. 


Das gemeinsame Muster

Zwei unterschiedliche Probleme, ein Mechanismus: KI wird dort nicht eingesetzt, wo sie Nutzern nützen würde – weil es sich nicht rechnet. Und wenn sie eingesetzt wird und Fehler macht, steht niemand dafür gerade. 

IBM hat 1979 verstanden, dass Verantwortung nicht verschwinden darf, nur weil eine Maschine entscheidet. Plattformen haben das Gegenteil gebaut: Systeme, die entscheiden, ohne dass jemand verantwortlich ist. 

Das ist keine Technologiefrage. Es ist eine Frage der Prioritäten. Der European Accessibility Act gilt seit Juni 2025. Digitale Produkte und Services in der EU müssen Accessibility-Anforderungen erfüllen. Der Rahmen existiert. Jetzt fehlt die Durchsetzung.

Quellen

Philipp Haußleiter

Ich bin 45 Jahre alt und arbeite seit etwa 17 Jahren als IT-Berater und Software Engineer. Meine Karriere begann mit vielfältigen Projekten – von iOS-Entwicklung über Microsoft BI Tooling bis hin zum Aufbau größerer Hadoop-Cluster. Heute liegt mein Schwerpunkt auf Software-Architektur, Systemdesign und der Entwicklung robuster, nachhaltiger IT-Lösungen. Dabei verfolge ich konsequent einen First-Principles-Ansatz: Ich hinterfrage bestehende Annahmen und bilde mir durch eigenes Ausprobieren eine fundierte, kritische Meinung zu neuen Technologien – auch zu KI –, um echten Mehrwert von Hype zu unterscheiden. Seit 2003 betreibe ich eigene Server, um einen Ausgleich zum Beratungsgeschäft zu finden und praktische Erfahrungen zu sammeln.

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