First Principles Thinking

First Principles Thinking

Ich betreibe meinen E-Mail-Server seit 2003 selbst. 

Das klingt nach unnötiger Arbeit. Spam-Listen pflegen, Deliverability sicherstellen, DKIM konfigurieren. Es gibt Google Workspace, Fastmail, hundert andere Optionen. Fertig, günstig, funktioniert. 

Ich tue es trotzdem. Und ich bereue es nicht. 


Was ich damit meine

Ich versuche, Dinge selbst umzusetzen, wo es sinnvoll ist. Eigene Server statt Cloud. LDAP und Authelia statt externem Auth-Service. Das ist kein Prinzip um des Prinzips willen – es kommt aus drei konkreten Überzeugungen: 

Kosten klein halten. Dinge wirklich verstehen. Abhängigkeiten bewusst eingehen. 

Der dritte Punkt ist der entscheidende. Wer eine fertige Lösung übernimmt, ohne zu verstehen warum, geht eine Abhängigkeit ein, die er nicht sieht. Das ist kein Problem, solange der Dienst läuft. Es wird eines, wenn er sich verändert, teurer wird oder verschwindet. 


Was das mit First Principles zu tun hat

First Principles Thinking bedeutet: ein Problem auf seine grundlegendsten Bestandteile herunterbrechen und die Lösung von dort aus neu aufbauen. Nicht fragen: „Wie haben andere das gelöst?“ Sondern: „Was ist hier eigentlich wahr?“ 

Das Gegenteil ist Reasoning by Analogy – man überträgt, was in ähnlichen Situationen funktioniert hat. Schneller, günstiger, fast immer inkrementell. 

Die Abgrenzung, die mir wichtig ist: First Principles Thinking bedeutet nicht, Standards abzulehnen. Es bedeutet, sie zu hinterfragen – und sie dann bewusst einzusetzen, weil sie wirklich passen. 


Warum die meisten es nicht tun

Es kostet Zeit. Es kostet echte Denkarbeit. Und fertige Lösungen werden überall angeboten, gut vermarktet und von allen empfohlen. 

Der Trugschluss lautet meistens: „Das gehört nicht zu unserem Kerngeschäft.“ Also lagern wir es aus, binden einen Service an, übernehmen eine Lösung – ohne genau zu verstehen, was wir damit eingehen. 

Das funktioniert oft. Bis es nicht mehr funktioniert. 


Das AWS-Argument

Amazon hat seine eigene Infrastruktur nicht trotzdem gebaut. Sie haben sie gebaut, weil sie verstanden haben, was sie wirklich brauchen – und dabei etwas aufgebaut, das heute eines der größten Unternehmen der Welt trägt. AWS ist kein Nebenprodukt. Es ist das Ergebnis davon, eine Grundfrage ernst zu nehmen. 

Die meisten von uns bauen kein AWS. Aber die Haltung dahinter ist übertragbar. 


Fazit

First Principles Thinking ist kein Trick und kein Framework. Es ist die Gewohnheit, bei jeder relevanten Entscheidung einmal innezuhalten und zu fragen: Warum machen wir das so? Was ist die eigentliche Anforderung? Und ist die Lösung, die uns angeboten wird, wirklich die richtige – oder nur die naheliegendste? 

Manchmal lautet die Antwort: Der Standard ist der Standard, weil er wirklich gut ist. Dann nimmt man ihn. 

Und manchmal betreibt man seinen E-Mail-Server seit 2003 selbst. 


Quellen

AWS-Entstehungsgeschichte – Brad Stone, „The Everything Store“

First Principles – Aristoteles, Metaphysik (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Elon Musk: The mind behind Tesla, SpaceX, SolarCity (TED Talk, 2013)

Philipp Haußleiter

Ich bin 45 Jahre alt und arbeite seit etwa 17 Jahren als IT-Berater und Software Engineer. Meine Karriere begann mit vielfältigen Projekten – von iOS-Entwicklung über Microsoft BI Tooling bis hin zum Aufbau größerer Hadoop-Cluster. Heute liegt mein Schwerpunkt auf Software-Architektur, Systemdesign und der Entwicklung robuster, nachhaltiger IT-Lösungen. Dabei verfolge ich konsequent einen First-Principles-Ansatz: Ich hinterfrage bestehende Annahmen und bilde mir durch eigenes Ausprobieren eine fundierte, kritische Meinung zu neuen Technologien – auch zu KI –, um echten Mehrwert von Hype zu unterscheiden. Seit 2003 betreibe ich eigene Server, um einen Ausgleich zum Beratungsgeschäft zu finden und praktische Erfahrungen zu sammeln.

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