Wie wir verlernt haben, uns selbst zu helfen
Ich fuhr neulich mit einem Auto, als plötzlich eine Warnleuchte angezeigt wurde. Ich habe kurz überlegt, was das sein könnte – und bin dann direkt zu einer Werkstatt gefahren. Früher wäre das anders gewesen. Früher hätte ich die Motorhaube aufgemacht und selbst geschaut.
Reparieren war einmal normal
Wer in den 80ern oder früher ein Auto gefahren hat, musste wissen, wie man eine Lampe wechselt, wo die Sicherungen sitzen, wie eine gute Zündkerze aussieht. Nicht weil das Spaß gemacht hat – sondern weil es notwendig war.
Heute sind Autos so abgeschottet, dass selbst ein einfacher Lampenwechsel Spezialwerkzeug voraussetzt. Das Wissen wird nicht mehr vermittelt, weil es nicht mehr gebraucht wird. Ein Kreislauf, der sich selbst stabilisiert. Und das beschränkt sich längst nicht mehr auf Autos.
Wegwerfen ist billiger geworden – aber zu welchem Preis?
Elektronik, Haushaltsgeräte, Werkzeug: die Herstellung ist im Verhältnis zu früher deutlich günstiger geworden. Billiger zumindest als die Dienstleistung, Dinge reparieren zu lassen. Das Ergebnis: wegwerfen und neu kaufen ist oft die rationellere Entscheidung.
Das erzeugt eine Wirtschaft, die strukturell darauf ausgelegt ist, möglichst viele Einheiten zu verkaufen – nicht, möglichst langlebige Produkte herzustellen. Nachhaltigkeit und ressourcenschonender Umgang mit der Natur sehen anders aus.
Wenn das Gerät noch funktioniert – aber trotzdem stirbt
Es gibt eine Variante, die ich noch problematischer finde: Geräte, die einwandfrei funktionieren, aber nutzlos werden, weil ein Cloud-Dienst abgeschaltet wird.
Das Gerät ist intakt. Es hat keinen Defekt. Aber ohne Server keine Funktion. Die Ressourcen, die in die Herstellung geflossen sind, werden einfach wertlos. Das ist kein Randphänomen. Das ist ein strukturelles Problem im Umgang mit vernetzten Produkten.
Wer ist verantwortlich?
Die einfache Antwort wäre: die Hersteller. Aber das greift zu kurz.
Hersteller bauen das, wofür es einen Markt gibt. Konsumenten kaufen das, was verfügbar und erschwinglich ist. Der Gesetzgeber reagiert – meist zu spät.
Ein Vergleich, der Hoffnung macht: Software. Dort hat Regulierung tatsächlich etwas bewegt. Hersteller müssen mittlerweile Haftung für Sicherheitslücken übernehmen. Bei Hardware fehlt ein vergleichbarer Mechanismus noch weitgehend.
Es gibt Ausnahmen – und sie zeigen, dass es geht
iFixit hat Reparierbarkeit zum Geschäftsmodell gemacht. Werkzeuge, Ersatzteile, Anleitungen und Bewertungen zur Reparierbarkeit von Geräten.
Framework baut Laptops, bei denen Reparierbarkeit und Erweiterbarkeit von Anfang an Teil des Designs sind. Kunden zahlen dafür bewusst einen Aufpreis.
Apple ist ein seltsamer Fall. Die Firma entstand aus der Homebrew-Szene – Systeme sollten offen und anpassbar sein. Neuere Produkte zeigen eine zaghafte Rückkehr: Komponenten sind nicht mehr verklebt, lassen sich schnell tauschen.
Was wir tun können
Es geht nicht darum, dass jeder alles selbst reparieren muss. Aber die Option sollte existieren.
- Mehr auf die Ressourcen achten, die in ein Produkt geflossen sind
- Abwägen, ob Reparieren lassen nicht sinnvoller ist als Wegwerfen
- Gebrauchte Produkte weitergeben statt entsorgen
- Bereit sein, mehr für Produkte zu bezahlen, die länger halten
Das klingt nach individuellem Verhalten – und das ist es auch. Aber individuelles Verhalten in der Breite verändert Märkte. Und Märkte verändern, was Hersteller bauen.
Das Wissen, wie Dinge funktionieren, ist nicht verloren. Es wartet nur darauf, wieder gebraucht zu werden.